Lieblingsobjekte: Barttasse im Keramik.um

Manche Objekte haben etwas Besonders an sich: Vielleicht sind sie besonders schön oder sie haben eine besondere Geschichte – oder sie gefallen „einfach so“. In der Kategorie „Lieblingsobjekte“ stellen wir solche Stücke vor.

Um Deinen schönen Bart zu schonen, wird sich Gebrauch der Tasse lohnen.“ Barttasse, um 1900, im Keramik.um in Fredelsloh. Foto: C. Ewald 2018.

Was haben schusssichere Westen, Sonnencreme und Barttassen gemeinsam?

Das Keramik.um im Töpferdorf Fredelsloh zeigt seit 2011 die Geschichte der lokalen Töpferkultur. Auch sonst lässt sich hier „alles“ über Keramik erfahren: Wie sehen die ersten Keramiken der Menschheit aus? Was genau ist eigentlich Porzellan? Und wie war das nochmal mit den Westen und der Sonnencreme?

In vielen modernen Schutzwesten ist Keramik gleich zweifach verarbeitet: Als Platten aus Oxidkeramik und als Nanopartikel, die die textilen Teile haltbarer machen. Diese Titandioxid Partikel finden sich auch in mineralischen Sonnencremes, denn sie reflektieren UV Licht und schützen so Haut und Kevlar vor der Sonne. Und Barttassen … sind natürlich aus Keramik, meist sogar aus Porzellan

Vom Luxus zur Massenware


Uhrgehäuse aus der Porzellanmanufaktur Fürstenberg, um 1760. Foto: Tilmann Franzen, Museum Schloss Fürstenberg (CC-BY 4.0).

Porzellan ist eine Keramiksorte aus Kaolin, Quarz und Feldspat. Erfunden wurde es vor ca. 1500 Jahren in China. In Europa gelang es dagegen erst vor etwa 300 Jahren, echtes Porzellan zu fertigen. Nach diesem Durchbruch 1708/1709 gründeten sich bald unzählige Porzellanmanufakturen, die für den reichen Adel Geschirr und Ziergegenstände herstellten.

Für die meisten Menschen blieb echtes Porzellan jedoch lange unerschwinglich. Als Ende des 18. Jahrhunderts das Bürgertum erstarkte, zog das edle Material nach und nach auch in bürgerliche Haushalte ein. Mit zunehmender Industrialisierung wurde es immer alltäglicher. Neue Formen entstanden, die den Moden und dem Lebensstil der Bürger entsprachen. Dazu gehörten auch kuriose Erfindungen wie die Barttasse

Bürger und Bärte

Werbeanzeige für die Es ist erreicht-Bartwichse vom Hof-Friseur François Haby. Aus „Lustige Blätter“, 15/1900. Gemeinfrei.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trugen nur wenige Bürger Bart. Wer es tat, gab damit eher ein politisches als ein modisches Statement ab. Doch um 1850 änderte sich das: Bart war jetzt modern und kaum ein Mann  blieb glattrasiert.

Ebenso wie viele andere Modeerscheinungen entwickelte auch die Bartmode die kühnsten Auswüchse. Bärte wurden in die ausgefallensten Formen gebracht: Gekämmt und gezwirbelt, mit Öl und Barttoniken behandelt, mit Wachs in Form gebracht und mit speziellen Bartschonern in der Nacht vor dem Zerzausen geschützt.

Auch tagsüber musste der modebewusste Bartträger aufpassen, dass sein Bart in Form blieb. Besonders beim Trinken heißer Getränke war das schwierig. Dampf und Nässe lösten das Bartwachs auf und zerstörten die sorgsam geformten „Kunstwerke“. Außerdem dürfte die Bartwichse den Geschmack des Tees oder Kaffees nicht verbessert haben

Die Barttasse

Doch dann entdeckte der britische Porzellanfabrikant Harvey Adams die Lösung. Er erfand Tassen mit einem kleinen Steg her, der den Bart vor Kontakt mit dem Getränk schützte. Die Barttasse verbreitete sich schnell in Europa und Amerika. Selbst altehrwürdige Porzellanmanufakturen wie Meißen stellten sie her.

Wirklich kostbare Barttassen waren jedoch eher die Ausnahme. Sie waren  nie Teil edler Tee- oder Kaffeeservice. Auch die Tasse im Keramik.um ist ein eher günstiges, industriell gefertigtes Modell, das sich um 1900 viele Menschen leisten konnten. Wie diese waren viele Barttassen mit kleinen Reimen und Sprüchen verziert. (Unten sieht man sogar ein Beispiel auf norwegisch.) Auch das weist darauf hin, dass es sich eher um schöne, ein wenig augenzwinkernde Geschenkartikel handelte.

Bilder obere Reihe von links nach rechts: Barttasse, Tirschenreuth um 1880, Aufglasurbemalung mit Goldstaffagen, um 1880. Foto: Richard Huber 2015. CC-BY-SA 4.0.; Barttasse mit Aufschrift, ca. 1908, Norwegisches Volksmuseum. Foto: Anne-Lise Reinsfelt, Norsk Folkemuseum 2000. CC-BY-SA 4.0.;Barttasse. Foto: Kreismuseum Bitterfeld. CC-BY-NC-SA 3.0. Untere Reihe von links nach rechts: Diverse Barttassen, Mariage Frères Teemuseum. Foto: David Loong 2006. CC-BY-SA 2.0.; Moustache cup with saucer, 1902, England, by John Aynsley & Sons. Gift of Mrs LG Sandlant, 1931. CC BY-NC-ND 4.0. Te Papa (CG000432).

Die extravagante Bartmode hielt sich noch in den frühen 1900er Jahre, wurde aber nach und nach immer schlichter. Nach dem ersten Weltkrieg trug kaum noch jemand Bart. Die elegant geformten Bärte, die durch Barttassen geschützt werden sollten, verschwanden weitgehend und mit ihnen die Barttassen. Doch in der Mode kommt alles wieder: mit dem aktuellen Trend zum „gepflegten Vollbart“ ist mit Bartöl und Bartwachs auch die Barttasse zurückgekehrt.

Charlotte Kalla, Landschaftsverband Südniedersachsen

Lieblingsobjekte: Flügelhaube in Elbingerode

Manche Objekte haben etwas Besonders an sich: Vielleicht sind sie besonders schön oder sie haben eine besondere Geschichte – oder sie gefallen „einfach so“. In der Kategorie „Lieblingsobjekte“ stellen wir solche Stücke vor.

 

Flügelhaube in der Heimatstube Elbingerode – Heimat.Museum.Südniedersachsen
Foto: Charlotte Kalla
Heimatstube Elbingerode

Die Heimatstube in Elbingerode (Niedersachsen) – nicht zu verwechseln mit Elbingerode (Harz)! – ist eines der kleinsten Heimatmuseen, die in diesem Blog vertreten sind. Die Sammlung besteht überwiegend aus Fotos aus der Dorfgeschichte und einigen historischen Alltagsgegenständen und kleinen Geräten. Aber die Heimatstube hat auch einige besonders gut erhaltene textile Objekte zu bieten. So sind zum Beispiel mehrere Festtags- und Alltagskleider aus der Zeit um 1900 zu bewundern. Auch diese unscheinbar wirkende Flügelhaube gehört dazu.

Flügelhaube? Schlunderhut, Holländer, Helgoländer, … !

Solche Hauben waren unter vielen verschiedenen Namen in weiten Teilen Deutschlands verbreitet. Von etwa 1870 bis in die 1950er Jahre hinein dienten sie den Frauen als Staub- und Sonnenschutz bei der Feldarbeit. Typischerweise sehen diese Hauben um den Kopf herum ähnlich wie ein Verdeck aus: Durch die gebogenen Stäbchen halten sie ihre Form und lassen sich mehr oder weniger weit ins Gesicht ziehen. Hinten und an den Seiten sind Stoffteile angebracht, die über Schultern und Nacken fallen. Sehr häufig sind die Hauben aus recht festem weißen Baumwollstoff mit einem Muster aus blauen Sternchen, Blüten oder Punkten.
Im Museum Europäischer Kulturen in Berlin findet sich zum Beispiel ein Exemplar aus Westfalen, dass der Elbingeröder Haube sehr ähnlich ist:

Flügelhaube aus der Sammlung Museum Europäischer Kulturen – Heimat.Museum.Südniedersachsen
Foto: Museum Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz ((CC)BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Solche Hauben waren nicht als modisches Accessoire oder Teil einer Tracht gedacht, sondern dienten nur als Arbeitsschutz. Viele Exemplare waren deshalb bereits verschossen und verschlissen, als sie ihren Weg in Museumssammlungen fanden. Die Haube in Elbingerode wirkt jedoch fast wie neu. Der Stoff hat keine Löcher und ist fast nicht vergilbt. Wahrscheinlich wurde diese Haube also nur wenige Male getragen. Man kann deshalb die Vermutung aufstellen, dass sie eher aus der Mitte des 20. Jahrhunderts stammt, als die Arbeit ihrer Besitzerin zunehmend von Maschinen übernommen wurde. Vielleicht wohnt ja in Elbingerode noch jemand, der mehr weiß?

(Text: Charlotte Kalla, Landschaftsverband Südniedersachsen)